schmetterling

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Ich bin in Budapest (Ungarn) zur Welt gekommen. Wann? Daran erinnere ich mich nicht mehr. Es ist lange her, irgendwann mal vielleicht an einem 30. Dezember, zwischen 1939 und 1949. Als Wissenschaftler wollte ich immer alt werden (und das bin ich auch geworden), da von der Welt meist nur alte Wissenschaftler akzeptiert werden. Als Mensch wollte ich immer jung bleiben (und das bin ich auch geblieben!), da von der Welt alte Menschen oft nicht akzeptiert werden. - Als Kleinkind interessierte ich mich für alles Mögliche, wie alle anderen gesunden Kinder, am Schluss bin ich aber doch ein "Insektensammler" und später sogar ein "Entomologe" geworden. Wieso? Aus purer Langeweile. - Jaaaaaa!Ich bin aus Langeweile Naturwissenschaftler geworden!!!

Meine Eltern besassen am Plattensee, in der Feriensiedlung "Balatonszabadi", nahe dem Ferienort "Siófok", an einem nach dem zweiten Weltkrieg ziemlich verlassenen Ort an der flachen Südostufer des Sees, ein kleines Wochenendhaus, wo ich jedes Jahr meine 2 1/2 monatigen Sommerferien verbringen durfte. Ich war ein Einzelkind, es gab keine Kameraden, keine gleichaltrigen Kinder in der Nachbarschaft, nur einen abenteuerlustigen Hund, mit dem ich Wälder, Wiesen und Felder begehen konnte. Bei diesen Spaziergängen blieb neben dem Hund nichts anderes übrig zu beobachten, als die Natur. Dabei interessierten mich weniger die Pflanzen und die Steine, sondern eher die beweglichen Lebewesen, und vor allem die zahlreich herumschwirrenden und herumkriechenden Insekten, denen man leichter näher kommen konnte als grösseren Tieren. Bald wollte ich diese Kleinlebewesen auch eingehender beobachten, genauer untersuchen, mit nach Hause bringen und sogar halten.

Als Knabe unter 10 hatte ich keine Ahnung gehabt, was das bedeutet: "Insekten sammeln", oder eine "Insektensammlung" aufzubauen. Meine ersten Schmetterlinge habe ich mit einem Handtuch ins Gras geschlagen, zerdrückt, und nachher in Zündholzschachtelchen gesteckt. Sie sahen am Schluss etwa so aus, wie manche Falter in der übriggebliebenen Sammlung des heute sonst hochgeehrten "Kollegen" LINNAE! Als Anfang war jedenfalls auch dies schon etwas. In meiner Familie fehlte es weit und breit an Naturforschern, obwohl der Plattensee, und die damals noch besonders schöne und unberührte Natur um den See herum, von allen ziemlich beliebt gewesen war. Meine Grossväter gehörten zum vornehmen Kreis der Juristen. Der Vater meines Vaters, JENÖ; RÉZBÁNYAI, war Notar in der Kleinstadt "Paks" und mein mütterlicher Grossvater, PÁL KARAY, sogar Gerichtspräsident für Scheidungsfragen am höchsten Gericht Ungarns, an der Budapester "Kuria". Mein Vater war Handelsschullehrer für Statistik, Buchhaltung, und für andere ähnliche, "spannende" kaufmännische "Wissenschaften". Mutter und beide Grossmütter waren Kindergärtnerinnen, aber hauptberuflich doch grösstenteils oder ausschliesslich Hausfrauen. Sie alle konnten überhaupt nicht verstehen, was dieser Knabe hier eigentlich tut. Besonders hatte meine Mutter fürchterliche Angst vor allen Kleinlebewesen, deren sie begegnete. Lebend, tot, oder nur als Bild, war ganz egal! Dieser Abscheu, der bei vielen Frauen auftritt und meist mit Unrecht belächelt wird, ist meines Erachtens jedoch nichts anderes als ein Instinkt, um das "Nest" sauber zu halten und die Familie vor Ungeziefer zu schützen. - Der kleine Sohn hat aber alles mögliche Ungeziefer mit nach Hause gebracht. Als er einmal irgendein riesiges, lebendes Spinnerweibchen in eine leere Schublade des grossväterlichen Juristenschreibtisches eingeschlossen hatte, das Tier dort Eier legte und aus der Schublade dann in einigen Tagen viele kleine Raupen herauskrochen, war das Glas beinahe bis zum Überlaufen voll!

Bald kam mir aber mein Vater zur Hilfe, der neben seinem nicht besonders aufregenden Beruf ein Polyhistor war, an Geige und auch an anderen Musikinstrumenten spielte, sang, alles mögliche Technisches erfinden, bauen, zusammensetzen und reparieren konnte. In einem Handbuch sah er, wie ein Fangnetzt aussieht und machte mir einen nach seiner eigenen Phantasie aus den verschiedensten, ungewöhnlichsten Teilen, die er zu Hause fand. Man könnte heute dieses Netz als ein sonderbares Museumsstück ausstellen. Er hat mir aus weichem Holz auch kleine Kästchen fabriziert, in denen die auf normale Nadel aus dem Nähkasten der Mutter aufgespiessten allerlei Insekten hineingesteckt werden konnten. Da die Kästchen jedoch undicht waren, vielen die ersten Belegstücke bald den Museumskäferlarven zum Opfer! Später fabrizierte er mir sogar "richtige" Sammlungskästen mit Torfeinlage und verglastem Deckel, wobei jedoch auch diese nicht ganz dicht abgeschlossen werden konnten. Ordnungsgemässe Sammlungskasten waren in Ungarn damals kaum oder nur für zu viel Geld zu kaufen.

Als ich dann zu Weihnachten endlich einmal ein ganz kleines, sehr altes, ungarisches Schmetterlingsbuch (von ERNÖ CSIKI) erhalten habe, da nach dem zweiten Weltkrieg solche Fachbücher in Ungarn weitgehend Raritäten waren, konnte ich viele Schmetterlinge endlich beim Namen nennen, sie fachgerecht präparieren und besser aufbewahren. So habe ich mich auf diese Gruppe von Lebewesen "spezialisiert" und bin ein "Schmetterlingssammler" geworden. Wenn ich damals ein anderes Buch bekommen hätte, wäre ich heute vielleicht ein Käfer-, Fliegen- oder Flohspezialist! So aber bin ich von den Tag- und Nachtfaltern bald beinahe besessen geworden.

Da meine Eltern die Grosstadt zwischen September und Juni nie verlassen haben, wartete ich noch brennender auf die langen Sommerferien als alle anderen Kinder, wobei ich aber nur darauf wartete, endlich Schmetterlinge fangen, beobachten oder züchten zu können. Diese zahlreichen, mindestens 15 Sommer am Plattensee bleiben mir unvergesslich! In unserer Gegend gab es damals viele unbewirtschaftete Flächen mit den verschiedensten Tagfalterarten, Blutströpchen, Eulen und Spannern, Schwärmerraupen, Obstbaumreihen neben der Landstrasse jeweils mit Dutzenden von Raupen des Grossen "Wiener" Nachtpfauenauges (Saturnia pyri), unter dem Dach unseres Wochenendhauses schliefen an der Wand immer wieder verschiedene Ordensbänder (Catocala nupta, elocata, puerpera), manche Bäume sind vom nach Ungarn eingeschleppten, weissen amerikanischen Bärenspinner (Hyphantria cunea) regelmässig kahlgefressen worden, und so weiter, und so fort. Auf meinem Fahrrad erreichte ich auch verschiedene kleinere Feuchtgebiete der Umgebung und die etwas weiter (15 km) liegenden Eichenmischwälder der Ortschaft "Zamárdi", wo im Sommer sogar Verwandte wohnten, bei denen ich jederzeit Unterschlupf finden konnte. Es war u.a. ein riesen Erlebnis am Rand des Eichenwaldes nach Raupen des Eichenschwärmers (Marumba quercus) zu suchen, um aus denen dann den schönen, pastellfarbenen Falter herauszuzüchten.

Da ich dabei aber niemanden hatte, der mir zur Seite stand (bzw. nur ganz selten mein Cousin, BÉLA ANTAL), bin ich allmählich ein Einzelgänger geworden, der die Natur sogar tagelang gerne ganz mutterseelen alleine begeht. Für einen Naturforscher, der Feldarbeit betreiben will, ist diese Eigenschaft wohl sicher von grossem Vorteil. Man kann nur selten einen guten Sammelkameraden finden, und wenn doch, dann muss man sich immer wieder anpassen, oder vom anderen stets Anpassung und Verständnis verlangen.

Während meiner Gymnasialzeit besass ich schon eine beachtliche Schmetterlingssammlung, beinahe alles vom Südostufer des Plattensees ("Zamárdi" und "Szabadi"), wo früher sogar vielleicht noch niemand Schmetterlinge gesammelt hat. Im Biologiekabinett der Schule bin ich die rechte Hand der Lehrerin geworden, neben einem etwas älteren Schulkameraden, SÁNDOR MAHUNKA, der später ein weltberühmter Milbenforscher, Direktor der Zoologischen Staatssammlung des Ungarischen Naturwissenschaftlichen Museums in Budapest und Hauptredaktor der Zeitschrift "Folia Entomologica Hungarica" geworden ist. In der Bibliothek der Schule fand ich zum ersten Mal ein "sehr gutes" Buch über Schmetterlinge: BERGE-REBEL!

Bald habe ich angefangen, die dort vorliegenden Abbildungen mit Farbstift nachzuzeichnen und dazu Texte zu schreiben, um ein ähnliches, ungarisches Werk vorzubereiten. Ich wusste damals noch nicht, dass ABAFI-AIGNER dies schon 1907 veröffentlicht hat, interessanterweise ebenfalls mit den von BERGE-REBEL übernommenen Originalabbildungen! Etwas war also schon sehr früh klar für mich: Nur ein solcher Beruf kommt für mich in Frage, wo ich mich mit der Erforschung der Schmetterlinge beschäftigen kann. Im kommunistischen Ungarn war es jedoch nicht allzu leicht, eine höhere Schule zu besuchen, wenn jemand aus einer bürgerlichen Familie kam. Auch die Auswahl war ziemlich eingeschränkt, wenn sich jemand mit Schmetterlingen beschäftigen wollte. - Biologielehrer! Das schien mir annehmbar zu sein, obwohl ich keinesfalls Unterricht für kleinere oder grössere Kinder geben wollte. Nur Biologie alleine zu studieren war aber nicht möglich, man musste auch entweder Chemie oder Geographie zum zweiten Hauptfach wählen. Ich habe mich neben Geographie entschieden, was mir später bei den ökologischen oder zoogeographischen Studien viel geholfen hat.

An der "EÖTVÖS LORÁND"-Universität in Budapest war aber nicht möglich, auf einem ordentlichen Weg Fachentomologe zu werden. Man wollte Schullehrer, und nicht Wissenschaftler ausbilden. So musste ich "Entomologie" privat, als Nebenfach wählen. Meine Lehrer dabei waren Prof. ENDRE DUDICH und Doz. IMRE LOKSA (später ebenfalls Professor, als Nachfolger von DUDICH), beide damals sehr berühmte, und liebenswürdige Wissenschaftler, wenn auch keine Lepidopterologen. Die meisten Schülerkollegen und -kolleginnen interessierten sich für nichts Spezielles, sie wollten lediglich etwas erlernen. Nur ein einziger, ein etwas älterer, sass neben mir bei diesen wertvollen Stunden des Studiums, ausgerechnet SÁNDOR MAHUNKA, der schon im Gymnasium mit vollem Herzen mit dabei war!

Dies alles befriedigte mich aber ganz und gar nicht. Zu wenig kamen dabei die Tag- und Nachtfalter zum Vorschein! Dies habe ich meinen Lehrern auch erörtert, worauf sie mich in die Zoologische Staatssammlung des Ungarischen Naturwissenschaftlichen Museums schickten, wo der damals bekannteste ungarische Amateurlepidopterologe, LAJOS KOVÁCS, und der schon jenerzeit weltberühmte Microlepidopterologe, LÁSZLÓ GOZMÁNY, gearbeitet haben. Sie haben mich auch sehr freundlich empfangen und mir erlaubt, jederzeit in der grossen Sammlung vorbeizukommen, bei der Arbeit zuzuschauen, und um Ratschläge oder Bestimmungshilfe zu bitten. Davon habe ich dann auch sehr eifrig Gebrauch gemacht, und durch diese regelmässigen Besuche bin ich nun allmählich wirklich ein Lepidopterologe geworden.

Also gut, habe ich mir gesagt, LÁSZLÓ GOZMÁNY, der Vorsteher der Lepidopterensammlung, ist ein sehr netter, liebenswürdiger, hilfsbereiter Mensch, aber ich interessiere mich für die Macrolepidopteren! So schlug ich mich immer mehr auf die Seite von LAJOS KOVÁCS. Er war ein sehr guter Kenner dieser Gruppe, aber ein Forscher der alten Schule, der alle Arten nach ihrem Aussehen erkennen wollte. Tatsächlich hat man gesagt, er erkennt die meisten Arten auch im Dunkeln und auch wenn sich diese hinter seinem Rücken befinden. Wir wissen jedoch, dass in vielen Fällen dies beinahe oder ausschliesslich nur nach den Genitalien möglich ist, und er hat die Genitalien der Falter nur ausnahmsweise unter die Lupe genommen. Trotzdem habe ich von ihm beim Zuschauen langsam erlernt, die meisten einheimischen Tag- und Nachtgrossfalterarten sogar nach einem einzigen, beschädigten Vorderflügel bestimmen zu können. Er organisierte in Ungarn ein breitmaschiges Lichtfallennetz mit mehreren Fangstationen. Die trichterförmigen Fallen (Typ "JERMY") waren damals noch mit herkömmlichen Glühbirnen ausgestattet, haben also weitaus nicht so viele Insekten erbeutet wie heutige Fallen mit Blauröhren, Mischlicht- oder Quecksilberdampflampen. LAJOS KOVÁCS hat das gesammelte Material ununterbrochen, in einem sehr effektiven Tempo bearbeitet und die Fangergebnisse genau notieret. Da er diese jedoch in kleinen Heftchen, und meist mit Bleistift, nach Tagen gesondert und fortlaufend eintrug, entstanden daraus lange, unübersichtliche und heute nur noch mit Mühe lesbare Tagebücher, die meines wissen auch nie ausgewertet wurden.

Was ich an seiner Seite erlebt habe, hat meine ganze entomologische Laufbahn, sowohl ausserberuflich als auch später beruflich, entscheidend geprägt. Aber eben: Die Auswertung der Fangergebnisse hat mein Meister ziemlich vernachlässigt. Vor allem auf diesem Gebiet, aber auch was Aufsammlung und Registrieren angeht habe ich mich später sehr bemüht, mich weiter zu entwickeln. So habe ich an diesen Gebieten auch manche besonderen, eigenen Methoden erarbeitet.

Andererseits war LAJOS KOVÁCS ein sehr unruhiger, impulsiver Mensch. Dies wirkte bei seiner Arbeit sehr positiv aus, nicht aber bei seinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Er hat allzu rasch jemanden mit seinen direkten, offenen und ehrlichen Worten beleidigt, obwohl er dies wohl sicher nicht immer unbedingt wollte. Das war eben lediglich seine Art! Nur wer diesen Stil irgendwie ertragen konnte, blieb an ihm hängen. Schon nach wenigen Worten, als ich zu ihm kam, wusste ich, ob er heute einen guten, oder einen schlechten Tag hatte. "Diesen Falter hast Du aber schön totgeschlagen! Und du erwartest noch von mir, dass ich ihn bestimme? Versuche du es zuerst selber, wenn dir die Lust dabei nicht vergeht!" Und Ähnliches! Wenn es am Anfang schon schlecht aussah, nahm ich also bald Abschied, und war nicht beleidigt, sondern wartete auf einen "besseren" Tag, an dem er stundenlang bereit war, mir alles zu zeigen, zu erklären, darunter vor allem wie man einander sehr ähnliche Arten manchmal nur durch einen Punkt oder einen Strich auf den Flügeln unterscheiden kann. Auf diese Weise ist er mir langsam, bis zu seinem Ableben im Jahre 1970, ein väterlicher Freund geworden. Ich wurde von ihm mehrmals auch privat, zu ihm nach Hause zum Abendessen eingeladen, wo er mit seiner Frau in einer kinderlosen Ehe ziemlich bescheiden lebte.

An seiner Seite traf und befreundete ich mich aber auch mit den "besten" der damals jungen ungarischen Lepidopterologen (jenerzeit gab es leider allzu wenige von denen): ZOLTÁN VARGA (Debrecen), sowie ZOLTÁN MÉSZÁROS und ANDRÁS VOJNITS (Budapest), die in Ungarn später in hohen wissenschaftlichen Ämtern tätig wurden, aber auch der bald jung verstorbene PÁL TALLÓS war oft dabei.

Eine Diplomarbeit war mir nur über die Grossschmetterlinge vorstellbar! Über die Macrolepidopteren des südöstlichen Plattenseeufers, wo ich nach vielen Jahren bei regelmässigen, sommerlichen Gelegenheitsfängen, tagsüber und nachts, gesammelt habe. Am Schluss war in "Balatonszabadi" eine beachtliche Zeit lang sogar meine erste halbautomatische Lichtfalle in Betrieb. Die Diplomarbeit ist von Prof. DUDICH mit einer vorzüglichen Note belohnt worden, und eine abgekürzte, ein wenig veränderte Form ist in der Zeitschrift "Folia Entomologica Hungarica" im Jahre 1972 auch erschienen.

Neben den Insekten hatte ich aber schon lange auch ein anderes Hobby: Gesang. Und zwar vor allem Opern und Operetten, deutsche und italienische Lieder. Mein Vater war ein begabter Amateurmusiker, sein Bruder, DEZSÖ RÉZBÁNYAI, hat sogar die ungarische Musikakademie absolviert, als Sänger, Komponist und Kappelmeister. Später ist er aber doch lieber Jurist geworden, da er als junger Akademieabsolvent nicht bereit war, im ungarischen Opernhaus als Korrepetitor mit "dummen Sängern und Sängerinnen" Musikstücke einzustudieren! Sein unmittelbarer Kollege, JÁNOS FERENCSIK, war dazu bereit. Er ist später Musikdirektor des Budapester Opernhauses geworden!

Mein Onkel DEZSÖ hat mich einmal in dieses berühmten Opernhaus eingeladen, sonst wäre ich vielleicht nie im Leben gegangen. Ich war nicht mehr als 12 Jahre alt, und das Stück hiess "Jevgenij Onegin" von Tschaikovskij. Eine sehr schöne, romantische, aber durchaus nicht "leichte" Oper! Wir sassen natürlich nicht etwa hinten oder oben, sondern in der fünften Reihe Parkett, wo man alles bestens und hautnah erleben konnte. Die Darsteller gehörten zu den damals besten in Ungarn: JÓZSEF SIMÁNDY, GYÖRGY MELIS, MIHÁLY SZÉKELY, JÚLIA OROSZ, der Kapellmeister war niemand anders, als der ehemalige Akademiekollege des Onkels, JÁNOS FERENCSIK. Ich war einfach überwältigt! Etwas Ähnliches habe ich mir bis dahin nicht einmal vorstellen können! Seit dem wäre ich jeden Abend gerne in die Oper gegangen.

Als Gymnasiast sass ich abends tatsächlich schon jede Woche etwa zweimal in diesem berühmten Opernhaus. Meist ganz oben, auf einem der billigsten Plätze, Geld habe ich stets nur wenig gehabt, aber auch das reichte mir völlig. Da ich mich während des Winters weniger mit Insekten beschäftigen konnte, verweilte ich oft in der Bibliothek des Opernhauses, wo ich die Noten der verschiedensten Opernarien mit Hand abgeschrieben habe, um diese dann durch Schallplatten der besten Sänger begleitet zu Hause aus voller Kehle singen zu können. Bevor ich überhaupt Gesangsunterricht nahm, bin ich mit Klavierbegleitung an kleineren Veranstaltungen des Gymnasiums mehrmals aufgetreten und herzhaft beklatscht worden. Der Gesangunterricht, der ich später jahrelang bei den damals besten Gesanglehrerinnen Ungarns (VALERIA KORENEK und JENÖNÉ RÉVHEGYI), und am Schluss beim bekannten Opernsänger ZSOLT BENDE erhielt und mit einer Opern-Operettensängerprüfung bei der Ungarischen Philharmonie abgeschlossen habe, hat meiner Stimme viel Positives gebracht, sie aber auch umgeformt: Aus einem natürlichen Bariton bin ich ein "Heldentenor" geworden, der eine schöne Stimmfarbe hat, meist gute hohe Stimmen bis über dem berühmten "hohen C" singen kann, diese ihm aber stets eher etwas Mühe bereiten. Das nennt man eben einen "echten italienischen Heldentenor" (Nach einer Annekdote hätte ENRICO CARUSO dem Komponisten GIUSEPPE VERDI einmal die berühmte "Stretta"-Arie aus dem Trubadour vorsingen müssen. "Es tut mir leid maestro", sagte CARUSO, "ich kann die Arie aber heute keinesfalls in C-Dur, mit dem hohen C, singen". Worauf erwiederte VERDI: "Ich habe sie auch nicht so geschrieben!").

Während der Universitätsjahre habe ich dann eine "Uni-Operngruppe" organisiert, gemeinsam mit einigen wenigen Sängerkollegen aus der Universität und mit jungen Gästen von Ausserhalb (unter ihnen auch mit meiner zukünftigen Ehefrau, MELINDA PÁSZTHORY), und mehrere gutgelungene Konzerte mit Klavierbegleitung veranstaltet. Im letzten Studienjahr habe ich einmal mit der Blumenarie aus der Oper "Carmen" von BIZET sogar den Gesangswettbewerb der ungarischen Universitäten gewonnen.

Inzwischen hatte ich jedoch auch schon weitere selbstgestellte lepidopterologische Aufgaben im Visier: das Günser-Gebirge ("Köszegi hegység"). Obwohl ein Ungar im Allgemeinen als ein "Sohn der Puszta" gilt, habe ich mich immer eher für gebirgige Gegenden interessiert. Das Günser-Gebirge, an der Westgrenze Ungarns zu Burgenland (Österreich), schien mir eine besonders interessante Gegend zu sein, da es sich trotz seiner ziemlich geringen Maximalhöhe ("Irottkö", 882 m ü.M.) um ein sogenanntes "Voralpengebiet" handelt. Aus ungarischer Sicht also eine Landschaft mit zum Teil erwartungsgemäss aussergewöhnlicher Flora und Fauna. Ähnliches gibt es in Ungarn nur noch im ebenfalls kleinen Ödenburger-Gebirge ("Soproni hegység"). Im Günser-Gebirge hat ein berühmter Lepidopterologe der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts (JÓZSEF SZENTIVÁNY), der nach dem 2.Weltkrieg emigrierte und später in Australien lebte und forschte, dem ich persönlich also nie begegnet bin, schon etliches gesammelt und seine Ergebnisse 1937 auch veröffentlicht. Seine interessante Liste schien mir jedoch einerseits sehr lückenhaft, andererseits aber auch revisionsbedürftig zu sein, da im Günser-Gebirge bis dahin noch niemand regelmässig Lichtfang betrieben hatte, lediglich einzelne Gelegenheitsfänge. Nicht zu sprechen davon, dass inzwischen auch viel effektivere, neue Lichtquellen erfunden worden sind und sich die taxonomischen Kenntnisse ebenfalls weiterentwickelt haben.

Zu dieser geplanten Forschungsarbeit hatte ich nur eine einzige Möglichkeit gehabt, die Lichtfallenfangmethode. Zu regelmässigen persönlichen Lichtfängen war mir das Gebiet einerseits zu weit entfernt, andererseits hatte aber auch die Politik mitzureden! Das Günser-Gebirge gehörte damals nämlich zu einer hermetisch abgeriegelten Grenzzone unmittelbar vor dem "eisernen Vorhang" zwischen West und Ost, durch die ungarisch-österreichische Grenze sogar in Zwei geteilt! Es war also nicht möglich, dort in die ziemlich geschlossenen Wälder einfach hineinzuspazieren. Wenn jemand dies tat, wurde er gefangen genommen, verhört, und ins "richtige" Ungarn zurückverschoben.

"Wie soll ich da nur anfangen", habe ich mich gefragt! Einzig und allein Militär und Forstwesen hatten auf den wenigen, relativ guten aber zum Teil sogar ungeteerten Waldstrassen im Günser-Gebirge "freie Fahrt". Zu diesen musste ich also irgendwie Kontakt finden, und zwar möglichst nicht direkt, sondern auf irgendwelchen Umwegen (höchste "Protektion" war also gefragt!). Dies ist mir durch zwei Bekannte, die bei der Forstdirektion Ungarns (ANTAL DÉRFÖLDI) bzw. bei der Führung der Militärmusik des Landes (ERNÖ SERES) tätig waren, auch weitgehend gelungen. Der eine vermittelte mir Kontakt zum damaligen Oberförster des Günser-Gebirges (JÓZSEF NÉMET), der andere zum Vorsteher der Grenzwacht im Gebiet. Zur Vorbereitung musste ich also nach Güns reisen, wo ich im Gymnasium gleichzeitig meinen obligatorischen Biologie-Geographie-Lehrunterricht absolvieren und einen eigenen Opern-Operetten-Liederabend mit Klavierbegleitung geben konnte! Ich war immer dafür, dass man die Zeit im Leben stets gut und effektiv, möglichst vollkommen und vielseitig ausnützen muss!

Der Oberförster hat mir angeboten, dass ich an zwei sehr schönen Stellen ("Steierházak" = Steierhäuser und "Keresztkút" = Kreuzbrunnen) des sonst weitgehend menschenleeren, kleinen Gebirges, wo einige Forsthäuser stehen, Strom vorhanden ist und auch Lichtfallenbetreuer zur Verfügung stehen könnten, Lichtfallen aufstelle.

Die zweite "Hürde" war die Grenzwacht, um meinen Eintritt in die Grenzzone und den Lichtfallenbetrieb bewilligen zu lassen. Dazu brauchten wir eine ganze Sitzung mit 10 Offizieren, die zum Teil sehr eifrig, zum Teil wohl aber sicher auch viel zu ängstlich waren (was für eine "Masche" soll das sein, um aus dem Land zu flüchten, was "verboten" war, oder um Spione ins Land hineinzuschmuggeln, die Grenze war von beiden Stellen ja lediglich wenige Kilometer entfernt!) und haben sofort "nein" gesagt. Dies war dem vorsitzenden "Grenzwachtgeneral" äusserst peinlich, da er seinem Budapester Kameraden schon sein Wort gegeben hatte! "Aber Geeeenossen!", hat er gesagt. "Lassen wir den Budapester Genossen forschen! Er lockt mit seinem Licht höchstens Nachtschmetterlinge ins Land!" Das war sehr witzig und gleichzeitig auch ein eindeutiger, "demokratischer" Druck nach "unten". Der Bewilligung ist danach also sofort von allen Anwesenden zugestimmt worden!

Die Lichtfalle war im Günser-Gebirge bei den Forsthäusern der beiden oben genannten Orte 3 bzw. 2 Jahre lang, und zwar 1964-68, während der ganzen Vegetationszeit kontinuierlich in Betrieb. An einem dritten Ort, "Hörmannforrás" = Hörmannquelle, ist die Lichtfalle für kurze Zeit (IV.-VI.) auch noch 1969 aufgestellt worden, und zwar diesmal direkt bei der Grenzwachtkaserne, wo die Fortsetzung schliesslich doch am Widerstand der Grenzwacht scheiterte! Diese Aufsammlungen erbrachten viele und zum Teil sehr aufschlussreiche Erkenntnisse an Nachtgrossfaltern: Weit über 500 Arten, drei von denen, und zwar Eupithecia trisignaria H.SCH., Hydrelia testaceata DONZ. (heute sylvata D.SCH.) (beide Geometridae) und Hyppa rectilinea ESP. (Noctuidae), neu für die Fauna Ungarns, mehrere Bestätigungen von früheren, zweifelhaften Meldungen aus Ungarn (darunter auch der Augsburger Bär, Pericallia matronula L., Arctiidae), beinahe die Hälfte (rund 240 Arten) neu für die Fauna des Günser-Gebirges, sowie sehr bemerkenswerte Angaben zur Phänologie von zahlreichen Arten und zur qualitativen und quantitativen Zusammensetzung von zwei voralpinen Nachtgrossfalterzönosen in Ungarn.

Diese Fangergebnisse waren ohne Zweifel geeignet, um daraus eine Dissertation zum Promovieren zusammenzustellen. Meine Prüfung zum Erlangen der Würde "Dr. rerum naturarium", die unter dem Vorsitz des damaligen Budapester Entomologieprofessors und weltberühmten Milbenforschers JÁNOS BALOGH stattfand, bestand im Sommer 1970 aus drei wissenschaftlichen Teilen und einem politischen Teil: lepidopterologische Dissertation, Zoosystematik, Zoophysiologie und Politische Wirtschaftslehre. Für die ersten drei habe ich vorzügliche Noten erhalten. Für die Politische Wirtschaftslehre nur ein "Gut" (wohl sicher weil ich in dieser Zeit provisorisch schon in der Schweiz lebte und daher als "Klassenfeind" verdächtig wurde!). Aus diesem Grund habe ich am Schluss dann nur eine "cum laude", und keine "summa cum laude" erhalten! Aber was soll's! Das Leben und meine wissenschaftliche Tätigkeit sind trotz dieser "Schande" gut weitergelaufen! - Eine abgekürzte, ein wenig veränderte Form meiner Dissertation über die Nachtgrossfalterfauna des Günser-Gebirges ist in der Zeitschrift "Folia Entomologica Hungarica" im Jahre 1974 auch publiziert worden.

Darüber hinaus lieferten diese Aufsammlungen Grundlagen zu meinen allerersten entomologischen Publikationen, und zwar zwei Neumeldungen für die Fauna Ungarns (Hyppa rectilinea und Hydraelia testaceata = sylvata), die in der "Folia Entomologica Hungarica" schon viel früher, 1968 und 1969 veröffentlicht worden sind. Die Entstehung dieser Manuskripte war aber ziemlich abenteuerlich. Die relativ kurzen und bündigen, aber doch ausführlichen Texte von je 2 bis 3 Seiten habe ich in meiner Muttersprache, ungarisch, verfasst, wobei manche, von bekannten ungarischen Entomologen geschriebene Publikationen als Vorbilder dienten. Als ich fertig war, habe die beiden Manuskripte selbstverständlich LAJOS KOVÁCS gegeben und ihn gebeten, diese kritisch durchzulesen. Er hat dies auch mit Freude getan, noch kritischer wäre es aber nicht möglich gewesen! Im kurzen Text sind alle Sätze umgestellt worden, die meisten Wörter mit anderen Wörtern ersetzt, die Korrekturen waren kaum zu entziffern, ich habe das alles kaum wieder erkannt! Am Schluss habe ich das Gefühl gehabt, dass ich wohl kaum ungarisch kann! So war eben LAJOS KOVÁCS! Er hat nur eine Wahrheit gekannt, seine eigene! Ist das für einen Wissenschaftler unbedingt eine schlechte Eigenschaft? Wenn er oft recht hat, dann wohl kaum!

Die "goldigen" Studienjahre gingen nun zu Ende, man hätte irgendwo etwas arbeiten und vor allem einiges verdienen müssen! Als Student war ich als Einzelkind einer nur sehr mässig, aber einigermassen doch wohlhabenden, bürgerlichen Familie ziemlich verwöhnt. Ich habe alles bekommen, was unbedingt nötig war, auch wenn ich im Allgemeinen keine hohen Ansprüche hatte. Die Studien waren im kommunistischen Ungarn sehr preiswert, ich musste nie arbeiten, in den Ferien hatte ich eben Ferien und nichts anderes. Natürlich habe ich dabei stets "schwer gearbeitet": gesammelt, präpariert, determiniert, sortiert und geordnet, oder eben Gesangstücke erlernt und geübt, lediglich ohne Bezahlung und für mich selbst. Nach dem Abschluss der Universitätsstudien hatte ich aber keine Möglichkeit gefunden, irgendwo beruflich sinnvoll entomologisch tätig zu werden. Da ist nur eins übrig geblieben: irgendwo Biologie-Geographieunterricht zu geben.

Aber wo? Ich war eng in Budapest, in der Grossstadt verwurzelt, Lehrerstellen gab es jedoch für "normale", parteilose Absolventen nur irgendwo weit draussen auf dem Lande. Am Schluss habe ich dann doch eine Stelle erhalten, von Budapest mit dem Zug mehr als eine Stunde nach Süden, im kleinen, staubigen Dorf "Perkáta", der seine Bahnstation sogar mehrere Kilometer von der Ortschaft entfernt hatte. Es war allerdings statt Mittel- nur eine Volksschule. Schon gut, auch dort muss man ja Biologie-Geographieunterricht geben. Die junge Lehrergarde hat mich mit grosser Freude empfangen, als sie aber erfuhren, dass ich ein Biologie-Geographielehrer bin, waren sie sehr entteuscht. Sie brauchten ja Zeichen- und Turnlehrer. So bin ich Zeichen- und Turnlehrer geworden, wobei ich in der 6. Primarklasse trotzdem auch einige Biologiestunden geben durfte. In einem alten Bauernhaus habe ich ein Mietzimmer erhalten, das aber im Winter aus spargründen nicht geheizt war. Auch das WC war draussen, und alles andere als ein "englisches WC"! Jedenfalls musste man tief Luft holen und dann anhalten, bevor man eintrat. In den Wintermonaten habe ich oft bei Minustemperaturen geschlafen, mit der Decke über dem Kopf, und früh am Morgen musste ich mich im einzig geheizten Schlafzimmer des Bauernehepaares umziehen. Die Frau hätte leider meine Grossmutter sein können! Da ich im Dorf so rasch keine Freunde fand, hatte ich auch viel Freizeit, konnte abends also regelmässig Streifzüge mit Fangnetz und Taschenlampe unternehmen, um auf den umliegenden Feldern, locker bewaldeten, trockenen Wiesen und in den kleinen Laubwäldern Nachtgrossfalter zu fangen. Es war jedoch schon Herbst, und ohnehin handelte es sich um eine Agrarlandschaft. Die Ausbeuten waren also nicht besonders reich, aber doch auch mit einigen beachtenswerteren Arten.

Noch bevor das Schuljahr zu Ende gegangen ist, fand ich zufällig eine Stelle in einem weiten Aussenbezirk von Budapest ("Rákoskeresztúr"). Eine Stelle, die rasch besetzt werden musste, und ein guter Freund von mir, der leider viel zu früh verstorbene spätere Coleopterologe der Zoologischen Staatssammlung in Budapest, LÁSZLÓ TÓTH, nicht annehmen wollte. Es handelte sich um den ungarischen Lehrmittelverlag, wo man einen Kontrolleur brauchte, der die hergestellten biologischen Lehrmittel vor dem Verkauf prüft. In dieser "interessanten" Stelle habe ich dann 5 Jahre verbracht, wobei gleichzeitig weder meine ausserberuflichen entomologischen Aktivitäten, noch die Gesangstudien und -auftritte zu kurz gekommen sind, und sogar zum Heiraten mit der Opernsängerin MELINDA PÁSZTHORY noch Zeit übriggeblieben ist.

Während dieser Jahre habe ich angefangen, die Grossschmetterlingsfauna des "Nord-Bakony-Gebirges" (="Bakonyerwald"), etwas weiter nördlich dem Plattensee, mit Lichtfallenfang, sowie mit persönlichen Tag- und Lichtfängen zu erforschen, woraus schöne Ergebnisse und mehrere ungarischsprachige Publikationen entstanden sind. Als Direktor des Bakonyer Naturwissenschaftlichen Museums hat diese Tätigkeit zuerst der international bekannte Brackwespenspezialist JENÖ PAPP, später der Dipterenspezialist SÁNDOR TÓTH unterstütz und damit eigentlich ermöglicht. Mit beiden Freunden ist es mir später gelungen, auch in der Erforschung der Schweizer Insektenfauna zusammenzuarbeiten, was mehrere Publikationen der genannten Forscher alleine, oder mit mir als Coautor zusammen, bezeugen.

Am Schluss ist die geplante umfassende lepidopterologische Forschungsarbeit im Nord-Bakony-Gebirge aber doch unbeendet geblieben. Im Juni 1969 ist nämlich aus der Schweiz, aus Bern, von einer früheren Kollegin eine Nachricht gekommen, dass man im Stadttheater Bern dringend noch eine Sopranistin und einen Tenor braucht. Damals war schon viel leichter, aus Ungarn nach Westeuropa zu reisen (der berühmte "Gulaschkommunismus" von JÁNOS KÁDÁR blühte eben auf!), wenn auch nur mit wenig Geld in der Tasche. Wir haben also eine Touristenreise gemacht, in Bern "vorgesungen" und sind sofort engagiert worden. Im August 1969 haben wir von Budapest Abschied genommen und sind nach Bern umgezogen, dann nach zwei Theatersaisons wechselten wir zum Stadttheater Luzern, wo wir bis Mitte 1975 tätig waren. Der Preis war aber zu bezahlen: Da es sich um eine von Ungarn aus offiziell genehmigte "Gastarbeit" handelte, mussten wir im Sommer immer wieder nach Budapest zurückreisen um Bewilligung für ein weiteres Jahr im Ausland zu erhalten, und wir mussten sowohl Einkommenssteuer in der Schweiz als auch nach unserem Einkommen gerichtete Vermittlungsgebühren nach Ungarn entrichten.

Als ernstzunehmende Gerüchte aufgekommen sind, dass man uns aus Ungarn einmal vielleicht nach der Heimreise ohne Vorwarnung nicht mehr ausreisen lässt, obwohl wir nun all' unser Hab und Gut in Luzern hatten, entschlossen wir uns endgültig in der Schweiz zu bleiben. Dieser Weg führte am Schluss dazu, dass wir zuerst Asyl erhielten und schliesslich im Jahr 1983 Bürger der Stadt Luzern, also Schweizerbürger werden durften. Im gleichen Jahr haben wir offiziell unseren Familiennamen "RÉZBÁNYAI" auf "RESER" ändern lassen, um unsere Kontakte zur gesellschaftlichen Umwelt im deutschsprachigen Raum zu erleichtern. Gleichzeitig habe ich mich aber entschlossen, als Autorenname den Doppelnamen "REZBANYAI-RESER" aufzunehmen, um die Kontinuität in meiner wissenschaftlichen Tätigkeit besser bewahren zu können.

Aber wo ist in diesen 6 Theaterjahren die wissenschaftliche Tätigkeit geblieben? Die ist auch während der Theaterarbeit stets weitergeführt worden. In Bern habe ich an Abenden, an denen ich nicht im "Dienst" war, neben unserem Wohnhaus in Bümpliz unter den Strassenlaternen und bei Taschenlampenlich im benachbarten kleinen Rehhagwald Nachtfalter gesammelt. Eine kurze Publikation darüber ist in den Entomologischen Berichten Luzern (Nr.1: 1979) publiziert worden. Nach dem Umzug nach Luzern habe ich sofort angefangen, mit der gleichen, nur mässig effektiven Methode die Nachtgrossfalter des Gebietes Obergütsch zu erforschen. Diese Angaben durch spätere, mit effektiveren Methoden erreichte Ergebnisse bereichert, sind in der gleichen Zeitschrift 1990, in der Nr.24, erschienen. Aber auch meine erste halbautomatische Schweizer Lichtfalle ist während dieser Jahre in Betrieb genommen worden, und zwar 1972-75 auf dem Brisen-Haldigrat bei Niederrickenbach NW (siehe Publikation in den Entomol. Ber. Luzern, Nr.6, 1981).

Da ich während meiner ersten Jahre in der Schweiz die deutsche Sprache nur sehr mässig beherrschte, habe ich anfangs keinen Mut gehabt, mit Berner oder anderen Schweizer Entomologen Kontakt aufzunehmen. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung davon, wo und was für Entomologische Gesellschaften hier überhaupt existieren. Schliesslich hat mir Anfang 1974 LÁSZLÓ GOZMÁNY aus Budapest empfohlen, mich einmal endlich an Prof. WILLI SAUTER an der ETH Zürich zu wenden. Er hat mich tatsächlich sehr freundlich empfangen, und weil ich inzwischen doch viel besser deutsch sprechen konnte, haben wir einander auch sofort gut verstanden. Einerseits bin ich so bald in die Entomologische Gesellschaft Zürich als Mitglied aufgenommen worden, andererseits habe ich einen Kontakt zu einem der damals besten Schweizer Lepidopterologen angeknüpft. Irgend eine Aufgabe, oder sogar vielleicht irgendeine Stelle als Entomologe, konnte mir Professor SAUTER aber nicht anbieten. Es waren ohnehin wirtschaftlich ziemlich schlechte Jahre, knapp nach der berühmten Ölkrise der Welt.

Auf dem Schreibtisch des Professors lag jedoch ein kleiner Transportkasten mit einigen Nachtfaltern. Was soll das sein, habe ich ihn gefragt. Ach, ja! Das sind Nachtfalter, die ein Luzerner Hobbysammler in Entlebuch gesammelt hat und selber nicht bestimmen konnte. Ich habe mich natürlich sofort nach dem Namen und der Adresse erkundigt: JOSEF ROOS-RÖÖSLI, Farbweidli in Entlebuch. Dies war der erste Schritt, der mich auf den nicht voraussehbaren Weg führte, später einmal Wissenschaftler und Forscher des Natur-Museums Luzern zu werden!

Nach meiner Heimkehr aus Zürich habe ich JOSEF ROOS sofort angerufen und einen Besuch bei ihm abgemacht. Er war damals 66 Jahre alt, ein pensionierter Holzfabrikarbeiter, der mit seiner Frau in einem alten Holzhaus ausserhalb der Ortschaft Entlebuch, bei der sogenannten "Farbweidli", sehr bescheiden lebte. Er hat mich mit grosser Freude empfangen, da er in seiner Nähe keine anderen Sammler hatte, um ein wenig wissenschaftlichen Kontakt zu pflegen. Ich habe sofort ein feines Abendessen bekommen und mir wurde die Sammlung gezeigt, etwa 60 volle Kasten, vor allem Schweizer Tag und Nachtfalter, alle schön präpariert, etikettiert und geordnet, die meisten aus der Umgebung von Entlebuch, einige wenige aber auch aus dem Tessin und dem Wallis. Ich war wirklich überrascht. Mir wurde auch erzählt, dass er eben dabei ist, seine Entlebucher Fundangaben in den Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft Luzern zu veröffentlichen, und wäre sehr froh, wenn ich die Bestimmungen überprüfen würde. Er versuchte, die gefangenen Falter aufgrund der Bilder in Fachbüchern zu bestimmen, war aber oft unsicher, ob es ihm wirklich überall gelungen ist.

Nun, seine Vorahnung war nicht verfehlt! Nach der gründlichen Durchsicht der ganzen Sammlung mussten aus der fertigen Liste etwa 100 Arten gestrichen, und andere 100 neu aufgenommen werden. Die Intelligenz dieses relativ einfachen Mannes vom Lande wurde dadurch deutlich ersichtlich, dass er nicht für eine Sekunde deshalb irgendwie beleidigt war, sondern sämtliche vorgeschlagene Änderungen mit Freude und Dankbarkeit sofort und meist diskussionslos durchführte. Ich soll aber noch den Verantwortlichen des Publikationsorgans anrufen, um die Umstände mit ihm zu besprechen. JOSEF AREGGER, Biologielehrer an der Kantonsschule Luzern und halbamtlicher Konservator des Naturhistorischen Museums des Kantons Luzern, wäre dieser "Verantwortliche".

Als ich ihn anrief, sagte wer ich bin und worum es sich handelte, erwiderte er nur: "Gott sei Dank! Ich habe mich so sehr gefürchtet, dass wir hier etwas nicht ganz ordentliches publizieren werden. Ich verstehe ja nichts von Schmetterlingen. Bitte tun Sie ruhig, was Sie für richtig halten!". So ist die Publikation "Beiträge zur Grossschmetterlingsfauna der Talschaft Entlebuch" von ROOS mitsamt "Nachtrag" von "RÉZBÁNYAI" zustandegekommen (Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft Luzern, Bd.XXIV, 1974), und so fand ich den ersten Kontakt zum damaligen Naturhistorischen Museum des Kantons Luzern. Aber so hat auch die Sammlung vom 1992 verstorbenen JOSEF ROOS später ihren endgültigen Platz im heutigen "Natur-Museum Luzern" gefunden!

Obwohl ich 1974 hauptberuflich noch immer im Stadttheater Luzern tätig war, habe ich JOSEF AREGGER darum gebeten, mir irgend eine entomologische Aufgabe zu geben. Ich hatte dabei grosses Glück gehabt. Vor kurzem hat das Museum, das aber damals über kein eigenes Gebäude verfügte, aus einem Nachlass eine wunderschöne, grosse Schmetterlingssammlung erworben, die Sammlung des im Jahr 1971 verstorbernen Luzerner Postbeamten ROBERT BUHOLZER. Die Sammlung war im Luftschutzkeller eines Bankgebäudes gelagert und wartete auf eine fachgemässe Bearbeitung: Revision der Bestimmungen, zum Teil Neuordnung, Umstecken in bessere Sammlungskasten, usw. Ich habe diese Aufgabe erhalten und damit angefangen, in meiner Freizeit stundenweise als Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums des Kantons Luzern an dieser Sammlung zu arbeiten. Dies passierte im dritten Stock eines Wohnhauses, wo der Museumsdirektor seine Büroräume hatte und wohin die zu bearbeitenden Kästen aus dem weitentfernten Bankgebäude stets hin- und hergeschleppt werden mussten. Mein Interesse war gross, mich störten die kargen, bescheidenen Arbeitverhältnisse nicht am geringsten. Neben vielen neuen Erkenntnissen aus dieser Tätigkeit, die ich in der Praxis gewinnen konnte, entstand dabei 1977 auch meine erste Luzerner Publikation ("ROBERT BUHOLZER und seine Schmetterlingssammlung in Luzern." Mitt. Naturf. Ges. Luzern, 25: 145-159), zum Teil mit populärwissenschaftlichen Zügen, um ein grösseres Publikum, auch Nichtentomologen, anzusprechen.

Bald waren aber grosse Neuigkeiten in Aufmarsch. Das alte, leer aber unter Denkmalschutz stehende Luzerner Waisenhaus ist wegen einem neuen Autobahnanschluss abgebrochen und etwa 100 m weit entfernt, am Reuss-Ufer, wieder aufgebaut worden. Aussen wie früher aussehend, innen jedoch an die Bedürfnisse eines Naturhistorischen Museums entsprechend, sollte in diesem Gebäude das bis dahin heimatlose Luzerner Museum seinen Platz finden. Der Direktor, JOSEF AREGGER, wollte seine Stelle zur Einrichtung eines neuen Museums einem jüngeren Kollegen überlassen und ist frühzeitig in Ruhestand getreten. Der neue Direktor ist unverzüglich gewählt worden: der aus Altdorf UR stammende, an der Uni Fribourg absolvierte und promovierte, junge Wissenschaftler, PETER HERGER. Er hat sofort sehr eifrig und kompetent damit angefangen, sich seiner grossen Aufgabe zu widmen, wobei das Luzerner Museum, bald in "Natur-Museum Luzern" umgetauft, allmählich eine landesweit bekannte, moderne aber doch nicht "zu moderne", "lebendige" (da stets auch etliche lebende Tiere gezeigt worden sind) und sehr gut besuchte naturwissenschaftliche Institution geworden.

Der alte Direktor hat mich dem Neuen als Mitarbeiter wärmstens empfohlen. So hat er sich bereit erklärt, mich irgendwie weiter zu beschäftigen. Vielleicht wusste er noch nicht, was auf ihn dabei wartet, oder eben hat er vielleicht geahnt, dass ich für dieses neue Museum, und dabei auch für seine ehrgeizigen Ziele, von grossem Nutzen werden kann. Es gab aber ein grundsätzliches Problem, was für mich einen Unsicherheitsfaktor bedeutete. Da PETER HERGER ebenfalls Entomologe war, wenn auch auf Käfer spezialisiert, standen zweierlei Möglichkeiten offen. Entweder sagt man, ein einziger Entomologe reicht für ein so kleines Museum, wo sowieso keine Stelle für einen gesonderten wissenschaftlichen Mitarbeiter zur Verfügung steht, oder das Museum wird vom Spezialgebiet des Direktors geprägt.

Nun stellte sich der letzte Fall ein, glücklicherweise für mich, aber auch für das Natur-Museum Luzern und für die entomologische Forschung in der Schweiz, da aus der späteren Zusammenarbeit von zwei Entomologen an gleicher Stelle unzählige bedeutende Ergebnisse hervorgingen.

Zuerst bin ich lediglich mit einem halben Pensum, stundenweise, als "wissenschaftlicher Mitarbeiter" angestellt worden, da dem Museum nur wenig Geld für solche Zwecke zur Verfügung stand und eine solche Stelle dort nie vorgesehen oder geplant war. Es war anfangs nicht gerade einfach, aus diesem wenig Lohn mit meiner Frau zuzweit irgendwie normal zu leben, da ich inzwischen im Theater gekündigt hatte, um für die Entomologie völlig frei zu werden. Als "Asylant" habe ich ja kaum einen finanziellen Hintergrund, irgend ein Reserve-Vermögen hinter mir gehabt, ausser einige Möbel und persöhnliches Hab und Gut. - Bald ist jedoch die Idee gekommen, dass die von uns geplante faunistische Forschung zum Teil auch vom "Schweizerischen Nationalfonds für die Wissenschaftliche Forschung" unterstützt werden könnte. Da ich damals noch nicht einmal Schweizerbürger war, hat die Gesuche, die alle zwei Jahre gestellt werden mussten, nun der Direktor des Museums, PETER HERGER, eingereicht, und mit den vorgeschlagenen Plänen sind wir zum Erfolg gelangt. Nicht nur für Sammelspesen, sondern sogar für meine Lohnaufrundung haben wir finanzielle Mittel erhalten, und dies ungewöhnlicherweise sogar nicht weniger als 8 Jahre lang. Der Schweizerische Nationalfonds unterstützte in der Regel nur kürzere Projekte und finanzierte ungern Arbeitslöhne.

Obwohl wir versucht haben, nach 8 Jahren weitere gute Pläne für allgemein schweizerische, entomologische Lebensraum- und Faunenforschung und für Wanderfalterforschung aufzustellen, ist unser fünftes Gesuch, wahrscheinlich aus den oben genannten aber nie ausgesprochenen Gründen, trotz guter Ergebnisse in den Vorprojekten, abgelehnt worden. Dies hat mich sowohl finanziell als auch moralisch sehr schwer getroffen. Einerseits habe ich damit die Hälfte meines Monatslohnes verloren, andererseits habe ich das Gefühl gehabt, dass es nicht richtig, nicht genügend war, was ich bis dahin mich beinahe aufopfernd geleistet habe, was ich geplant habe. Dies hat aber auch die interessant angefangene Schweizer Wanderfalterforschung hart getroffen, da die sinnvollen Fortsetzungspläne aus finanziellen Gründen so nicht mehr verwirklicht werden konnten.

Damals gab es einen absoluten Personal- und Lohnstopp im Kanton Luzern, es war also fast unvorstellbar, dass meine Position beim Museum verbessert wird. Unter diesen Umständen ist vom Kantonsparlament für das Natur-Museum Luzern, also praktisch auf meinen Leib geschnitten, trotzdem eine volle neue Wissenschaftler-Stelle genehmigt worden, wofür ich und die entomologische Wissenschaft wohl sicher in erster Linie PETER HERGER danken konnte. - Aber wie konnte dies überhaupt passieren? Ich weiss es nicht genau. Ich stelle mir aber ein etwas ähnliches, vorgeplantes und gut vorbereitetes politisches Spiel vor: Im Parlament schlägt jemand aus der Mehrheitspartei vor, dass für das Museum eine neue Stelle für einen Wissenschaftler geschafft werden sollte. Wenn nichts Weiteres passiert, dann wird dies von der Opposition und zum Teil auch von manchen Mitgliedern der Regierungsparteien sofort abgelehnt. Da erhebt sich jedoch der Regierungsrat des Finanzdepartementes, selbst Mitglied der Mehrheitspartei, und täuscht es energisch vor, dass er die Schaffung einer neuen Stelle im Namen des Regierungsrates aus Spargründen für unfinanzierbar hält. Das fehlt nur der Opposition! - "Was? Die Wissenschaft wird von der Regierung so wenig unterstützt? Wir sind alle dafür, dass die neue Stelle genehmigt wird!" - Bei der Abstimmung ist die Opposition infolgedessen einstimmig für die Einrichtung der Stelle, und die Mitglieder der Regierungsparteien, die ohnehin von Anfang an dafür waren, tun dies grösstenteils ebenfalls! - Vielleicht hat sich dies alles nicht so abgespielt. Es hätte sich aber auch so abspielen können. Alles in allem habe ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter endlich eine 100%-ige Stelle erhalten, brauchte also den Zuschuss vom Schweizerischen Nationalfonds nicht mehr. Dies hat mich aber auch weiterhin nicht daran gehindert, aus purem Interesse jahrzehntenlang ununterbrochen meist mindestens 150%-ig zu arbeiten.

Als Anerkennung meiner Verdienste bin ich dann in einigen weiteren Jahren für den Konservator der Entomologischen Abteilung des Natur-Museums Luzern gewählt worden, der sich damals noch als "Staatsbeamte" bezeichnen durfte. Man kann ruhig sagen: eine hohe Ehre für einen gebürtigen Ungar, auch wenn ich inzwischen schon Schweizer wurde und mich durch meine wissenschaftliche Arbeit für diese Ehre durchaus prädestiniert war.

Was mein Privatleben betrifft, bin ich in diesen Jahren sogar auch noch zu zwei hübschen und klugen Töchtern gekommen, Diana (1976) und Linda (1978). Diana ist heute schon Humanmediziner, und Linda auf dem besten weg, Tierärztin zu werden. Obwohl die beiden als Schülerinnen bzw. als "Insektenpräparatorenhelferinnen" in meiner Abteilung im Museum stundenweise jahrelang fleissig mitgearbeitet hatten, haben sie mit der Entomologie heute nur noch insofern etwas zu tun, dass sowohl Mensch als auch Tier durch Insektenparasiten befallen werden können, was ebenfalls in den Rahmen der Medizin fällt.

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Aber was alles Entomologisches ist von mir während meiner 30-jährigen Laufbahn beim Natur-Museum Luzern, zum Teil während der ordentlichen Arbeitszeit, zum Teil aber oft auch weit darüber hinaus, bis Ende 2004 überhaupt gemacht worden?